Wer hat das Eichhörnchen erlegt? Was spielt sich in unserem großen Naturgarten eigentlich ab? Eine Spurensuche.

Das Eichhörnchennest befindet sich hoch oben in der Goldulme, direkt über dem Zaun der Nachbarn. Im Herbst hatte ich den kleinen Kobel entdeckt und war glücklich. Endlich hatte ein Eichhörnchen zu uns gefunden! Ja, unser Garten ist ein Eichhörnchenparadies. Zwei Walnussbäume, zwei riesige Haselsträucher, eine Esskastanie, viele Sämereien, Schnecken, Pilze, Früchte – ein ganzjährig reich gedeckter Tisch. Dicht stehende hohe Bäume, Gebüsche und Reisighaufen, teils überwuchert von Kletterpflanzen, erlauben dem Tier, sich überall hin zu bewegen, ohne über den Boden zu laufen.
Wir kauften eine Eichhörnchenfutterbox und füllten sie mit Hasel- und Walnüssen. Es dauerte eine Zeit, bis das Eichhörnchen sie gefunden hat, aber dann wurde sie nach und nach geleert. Ich befüllte sie nur unregelmäßig, im Garten gab es ja genug.
Ab und zu sah ich das Eichhörnchen – das war jedesmal ein besonderer Moment. Es turnte in den Zweigen, knabberte Ulmensamen, suchte seine Nussverstecke auf oder hielt auf einem dicken Ast ein Schläfchen. Unzählige Male hat die Wildkamera es an der Tränke aufgenommen:
Ein trauriger Tag
Und nun liegt das Eichhörnchen tot im Hof. Es ist völlig unversehrt. Sein Fell ist kurz und dicht, keine Parasiten zu sehen, der Schwanz buschig, der Leib kräftig, aber nicht zu dick. Was war passiert? Wir verdächtigen unseren Kater Zorro. Er ist ein sehr guter Rattenfänger und hat kein Alibi. Denn kurz vorher haben wir ihn in den Garten gelassen. Falls er das flinke Tier aber tatsächlich erwischt hat, konnte das nur ein sehr unglücklicher Zufall sein. Es ist so traurig.
In den nächsten Tagen kommen Zweifel an der Täterschaft des Katers auf. Freunde halten es für sehr unwahrscheinlich, dass eine Katze in unserem Garten ein ausgewachsenes Eichhörnchen erwischt. Konnte es sich vergiftet haben? Ich befrage Gemini Google und erhalte einen Strauß weiterer möglicher Antworten:
„1. Nachbargifte oder Schneckenkorn
Auch wenn Sie selbst absolut giftfrei gärtnern, bewegen sich Eichhörnchen über mehrere Grundstücke hinweg. Sie könnten auf einem Nachbargrundstück Rattengift, chemischen Rasendünger (wie Blaukorn) oder Schneckenkorn gefressen haben. Da diese Stoffe oft erst verzögert wirken, sterben die Tiere manchmal erst Stunden oder Tage später in ihrem sicheren Heimatgarten.
2. Innere Verletzungen (Sturz oder Autounfall)
Eichhörnchen sind zwar extrem geschickte Kletterer, aber auch sie können abstürzen – beispielsweise durch morsche Äste, Revierkämpfe oder die Verfolgung durch Krähen und Elstern. Ein schwerer Sturz aus großer Höhe kann zu tödlichen inneren Blutungen oder einem Schädel-Hirn-Trauma führen. Äußerlich sieht das Tier dann oft komplett unversehrt aus.
3. Herzversagen durch Schock oder Stress
Die Herzen von Nagetieren schlagen extrem schnell. Großer Stress – ausgelöst durch die lautlose Attacke einer Hauskatze, eines Hundes oder eines Greifvogels – kann bei den sensiblen Tieren zu einem tödlichen Schock oder Herzversagen führen, selbst wenn der Angreifer das Tier gar nicht physisch erwischt oder verletzt hat.“
Ja, das sind mögliche Antworten. Derzeit scheint sich der komplette Nachwuchs der Saatkrähen und Dohlen aus der Stadt auf unserem Grundstück zu versammeln. Sie sitzen dort in den Pappeln und krächzen durcheinander, während die Eltern auf den angrenzenden Äckern nach Nahrung suchen, um die Schnäbel zu stopfen. Vielleicht kam es tatsächlich zu einem Zusammenstoß?
Auch an einen Greifvogel hatte ich bereits gedacht. Immerhin hat unsere Wildkamera schon einmal einen Sperber auf frischer Tat erwischt:
Ich hake nach bei Gemini und erhalte zur Antwort:
„Sperber und Habichte: Diese Greifvögel sind darauf spezialisiert, im dichten Unterholz, zwischen Hecken und in Bäumen zu jagen. Ein Sperber kann im rasanten Sturzflug durch das Geäst schießen. Oft reicht der pure Aufprall oder der Schock des Griffs, um ein Eichhörnchen sofort zu töten, ohne dass man von außen viel sieht.
Krähen und Elstern: Rabenvögel sind extrem intelligent und jagen oft im Team. Sie attackieren Eichhörnchen, um sie aus ihren Kobeln zu vertreiben, deren Futtervorräte zu stehlen oder um an Jungtiere zu kommen. Bei solchen heftigen Luftangriffen und Verfolgungsjagden in den Baumkronen stürzen Eichhörnchen im Eifer des Gefechts manchmal ab.“

„Warum der Kater eher unschuldig sein könnte
Ihr Garten ist für Katzen ein „schwieriges Gelände“. Reisigwälle und dichte Dornengebüsche bieten Eichhörnchen fantastische Fluchtwege und Verstecke, in die eine Katze physikalisch gar nicht hinterherkommt. Zudem sind gesunde, erwachsene Eichhörnchen in den Bäumen viel zu schnell für Hauskatzen. Eine Katze hinterlässt beim Zugriff zudem meistens sehr deutliche Bisspuren oder zerzaustes Fell – wenn das Tier völlig unversehrt aussah, spricht das eher gegen den Kater.“
Ich versöhne mich mit dem Kater, den ich ein paar Tage lang ingnoriert hatte. Er schnurrt dankbar. Aber in den nächsten Tagen kehrt keine Ruhe ein. Die Vögel hinten im Garten warnen wie verrückt, obwohl die Katzen im Haus sind. Auch der Buntspecht am alten Apfelbaum skandiert Warnrufe. Wenn ich einen Kontrollrundgang mache, bemerke ich keine Gefahr, kein Greifvogel fliegt auf, keine fremde Katze ist im Garten zu sehen. Und der Marder – ja, auch der wohnt bei uns im Reisighaufen – ist strikt nachtaktiv.
Ein weiterer Todesfall
Am Samstag kommen wir spät nach Hause und finden eine tote, fast ausgewachsene Elster im Hof. Hier ist der Kater nun eindeutig entlastet, denn die Elstern, die bei uns im Amberbaum nisten, sind superschlau und wachsam. Am nächsten Morgen schimpfen die Elsterneltern im Hof, sie können sich gar nicht beruhigen. Ich kann es ihnen nicht übel nehmen.
Des Rätsels Lösung
Am Nachmittag sehe ich aus dem Fenster im Birnbaum ein helles, rundliches Etwas sitzen. Ich hole das Fernglas: Es ist ein junger Waldkauz!

Nun macht alles Sinn. Mutter oder Vater Waldkauz gehen offenbar in unserem Garten auf Jagd, erlegen vermutlich Mäuse, Ratten, Singvögel und – leider – auch unser Eichhörnchen, das sie dann aber fallen ließen. Vermutlich war es doch zu schwer oder der Kauz wurde gestört. Vielleicht nistet die Familie Waldkauz sogar bei uns: Hinten aus dem großen Nistkasten hängen ein paar Zweige. Wir hatten ihn eigentlich für die Dohlen aufgehängt, die aber widerum den Schornstein der Garage bevorzugen. Meine Vermutung war, dass sich das Eichhörnchen nun in dem Kasten ein Zweitquartier eingerichtet hatte. Jedenfalls beschimpfen die Singvögel den kleinen, aus dem Nest ausgeflogenen Kauz, denn sie wissen, welche Gefahr seine Anwesenheit für sie bedeutet.
Mir wird klar: Auf den 1700 Quadratmetern unseres naturnahen Gartens spielen sich ungeahnte Dramen ab, ganze Lebensgeschichten von Tieren, die wir vermutlich nie zu Gesicht bekommen werden. Faszinierend und geheimnisvoll!
P.S.: Ein paar Tage nach dem tragischen Fund habe ich übrigens ein weiteres Eichhörnchen bei uns im Garten gesehen! Und die Futterbox wurde auch wieder geleert!







