Frühling

März
Der Winter geht auf dünnem Eis,
die Meisen wetzen ihre Kehlen,
der Rüttelfalke überm Stoppelmais
wird seine nächste Maus vielleicht verfehlen.
Vornehme Pferde tragen jetzt noch Karotuch
und manchmal eine Kniebandage.
Der Ackergaul macht einen Pflugversuch
hoch oben in der Weihnachtsbaumplantage.
Felder und Weiden sind zertreten und gebleicht,
die Hecke überhaucht von Haselpollen,
die letzten Vogelnester restlos aufgeweicht
und in der Luft ein Nichtmehrfrierenwollen.
Ich treffe eine Boßelgruppe, die den Weg vermisst,
sie bieten einen Roten an zum Scherz.
Ich trinke zwei, weil heute mein Geburtstag ist
und so kommt endlich Farbe in den März.

Frühlingsgeblühe
sei der bast
unter meiner borke
mein waldmeister
aber schließ mir nicht gleich
den himmel auf
lass uns erst
röschen winden im busch

nemorosa
öffnet die krone
ich muss zum date
in den wald der wälder
den busch der büsche
der buschanemone
sie drängeln an wegen
böschungen pfaden
tanzen und wippen
einige nicken
im schoß der wurzeln
bald wieder ein
andere tuscheln
hinter den dunklen
spitzigen krägen
klatsch von der hummel
über den sauerklee
über die schlehen
draußen im hudeland
die hätten längst
den frühling gesehen
dann bricht die sonne
bahnen durch stämme
die anemonen wenden die kronen
richten die schüsseln
empfangen das lenzprogramm
strahlen es aus
verblümt
für die bienen
und ich
bin eine von ihnen

Alle Wetter!
Der März verpulvert Schnee wie Diamanten,
das ahnte nicht mal die Weltwetterwacht.
Ein großer Hof um unsern Erdtrabanten
verkündet strahlend: eiskalt diese Nacht.
Zu Ostern bildet sich ein Aufwindschlot,
von dem der Hagel auf uns nieder weht.
Kehrt wieder Ruhe ein im Abendrot,
legt sich der Abgas-Tau aufs Blumenbeet.
Dann endlich – eine Wolke von Perlmutter!
Zum Siebenschläfertag. Es trübt sich weiter ein:
Zyklonen brauchen tief gedrucktes Futter
und mögen keinen roten Fixsternschein.
Es beißt der Hund den jährigen Kalender,
die Wasserhose räufelt auf am Wollkämmrand,
Im All gibts täglich Sommersonnenwender,
nur ist kein Fenster hier in der Gewitterwand.
Das Mondkalb saugt an der Mammatuswolke,
die bildet ambosshäuptergleiche Türme.
In einer Mesopause trinkt man Sternenmolke,
doch – satt? – Eliten melden Wirbelstürme.
Beharrlich hockt in seinem Trog das Islandtief
und fädelt Perlschnurblitze für Old Germany.
Hier liegt doch nicht nur die Ekliptik schief!
Gib mir die Hagelfeile – ich will raus aus dieser Galaxie,
denn auf der langen Bank beim Klimahandel
wird schon die nächste Tonne CO2 geschoben.
Die Erde dankt für unsren Lebenswandel
und lässt – im Landumdrehn – die Elemente toben!
Winter

Da ich in Göttingen, also sozusagen fast im Harz geboren bin, kenne ich von klein auf das Schneeschippen. Das kratzende Geräusch des Schneeschiebers gehörte zum winterlichen Soundtrack meiner Kindheit. Im Treppenhaus des von mehreren Mietparteien bewohnten Hauses hing eine Drehscheibe aus Pappe mit einem Schneemann. In einem Fenster wurde angezeigt, wer von den Mietern gerade Dienst zum Schneeräumen hatte. In Göttingen lag der Schnee wochenlang in dicken Haufen am Straßenrand, er verharschte mit der Zeit und wurde schwarz von den Abgasen. Ist das heute auch noch so? Ich war lange nicht mehr im Winter dort. Im Emsland ist das Geräusch des Schneeschiebers eher selten zu hören. Allen, die sich damit abmühen, widme ich diesen Song:
Schneeschiebersong
Text: Jutta Over
Musikalische Umsetzung: Peter Hauff/BeatronAI
Ich lieb das Schnee schrappen
das Knirschen Stampfen Klopfen
mehr als das Regen tropfen
ich lieb das Schneeballpappen
Drum lass uns Schneeschieben
ums Haus ’nen Iglu bauen
in dem wir auftauen
und uns zum Tee lieben
Komm lass uns Schnee schippen
in große Tassen kippen
und unsre heißen Lippen
in coole Berge stippen
Wir gehen Schnee räumen
das Glitzern einsammeln
dann unsre Tür verrammeln
und von Sorbet träumen
Komm lass uns Schnee lieben
in warmen Betten schmelzen
und dann beim Schneemannwälzen
’ne ruhige Kugel schieben
Refrain:
Das ist der Schneeschieber-
viel lieber Schneeschieber-
als Rasenmähfieber-
der Schippensong
Vor ein paar Tagen habe ich die Vogelfuttersilos herausgehängt. In unserem Naturgarten finden die Vögel fast das ganze Jahr über genug zu fressen. Nur bei mehrtägigem Eis und Schnee wird zugefüttert. Und dann ist richtig was los an den Futtersilos, ähnlich wie in diesem Gedicht:
Speisen mit Meisen
Schwalben sind bereits verreist,
Pfützen manchmal schon vereist,
Meisenweisen sind vertagt,
Meisenspeisen angesagt –
beispielsweise Meisenringe.
Müllers kaufen solche Dinge.
Meisen schnabulieren munter,
was nicht mundet, fällt herunter
und ins Saatgestöber sinken
scharenweise bunte Finken.
Gleich entwickelt sich ein Streit
um die krosse Kornmahlzeit.
Durch die Büsche bahnt sich leise
Kater Nathan eine Schneise.
Schleichend soll es ihm gelingen,
einen Finken zu verschlingen.
Hinterm Fenster sieht man Müllers
Müsli in die Schüsseln füllen.
Sie bemerken die Bewegung
und geraten in Erregung.
Wild schwenkt Müller um die Wette
mit der Gattin die Serviette.
Kater Nathan, wahrlich weise,
denkt nur: „Müllers hab’n ’ne Meise!“
Vögel halten die Servietten
schlicht für Vogelsilhouetten.
Ach, wie können nun die beiden
noch den Finkenmord vermeiden?!
Nathansbraten! Nah und näher
kommt der Kater! Eichelhäher
Frühaufsteher, kluger Späher,
klar erkennt er die Gefahr,
krächzt sehr schräg und – wunderbar –
auf das Zeichen fliegen flink
alle Vögel hoch zum Ring.
Nur der Kater ist beleidigt
und entfernt sich sehr geschmeidig.
Doch nun sieht man die Verheerung,
denn in eiliger Empörung
haben Müllers ohne Wissen
Müslischüsseln umgerissen
und die Tassen fallen lassen.
Gott, wie sie den Kater hassen!
Auch die Milch ergießt sich frisch
übern ganzen Frühstückstisch.
Daher heißt es, Ordnung schaffen
und das Tuch zusammenraffen.
Die verstreuten Cerealien
schüttet man zu den Fäkalien
draußen unter Meisenkringeln,
die die Vögel gleich umzingeln.
Darauf einen Kümmerling,
den Herr Müller heimlich trinkt.
Oftmals gibt es noch Debakel
rund ums Meisenringspektakel:
Sperber, Krähen, Nachbars Hahn,
einmal gar ein Jagdfasan.
Vogelfutter ist nicht teuer,
Frühstück wird zum Abenteuer
und bis zum ersten Winterling
fließt noch mancher Kümmerling.
Texte zum Anschauen und Anhören
Herbst

Lautlos
lässt Laub los.
Nach dem großen Leuchten
landet es im feuchten
Moos.
Den ganzen Wirbel macht der Wind.
Weil Blätter leicht zu haben sind,
lässt er sie nochmal fliegen –
und liegen.
Das Laub bleibt leise
dem Wald zur Speise.

Lauter Herbst
die letzten warmen Tage
verwegen rückt die Rasenmäherstaffel aus
im Blätterwirbel eines Rothirschs Klage
ach nein, ein Laubsauger geht röhrend um das Haus
vor lauter Herbst-
verliebtheit steigen Motorflieger
an allen Ampeln heulen heiße Öfen auf
ja, säß ich selbst auf einem, niemand säh mich wieder
doch wer jetzt ohne Krad ist, wartet lange mit dem Kauf
der Herbst spielt Laute
geht der Wind auch leise
Maishäcksler ziehen dröhnend ihre Kreise
und in den Stoppelfeldern sieht man Treiber laufen
vorlauter Herbst
dein Tinnitus macht mich noch taub
ab in die grüne Tonne mit dem Laub
möge das letzte Rascheln bald im Regenguss ersaufen

Sommer auf der Haut
heißgeschwollene Mückenstiche
die Zunge wund vom Kirschsteinspucken
und das Muster der Wiese in den Waden
Sommer auf der Haut
Regen im Ärmel
Gewitterfliegen in den Augenwinkeln
und die Borke der alten Eiche im Rücken
Sommer auf der Haut
das Moor zwischen den Zehen herausspülen
die Splitter aus den Fingern lutschen
und mit dem Nachtwind das Bett beziehen
